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Die Oma ausgesperrt Seine Oma fand Anton ziemlich komisch. Sie hatte einen sehr individuellen Humor. Meistens war es für andere kaum ergründbar, warum sie lachte. Aber wie sie lachte, das war schon sehr witzig und steckte an. Aus nie geklärten Gründen sagte sie zudem mindestens fünf Mal am Tag: „Hauruck, Muckefuck!“. Einfach so. Oma’s wichtigste Verbündete in allen Lebenslagen waren Katzen. Bis zu zehn von denen durften sich gleichzeitig in der kleinen Wohnung frei bewegen und hatten absoluten Vorrang vor jedem Menschen. Die aus Sicht der Oma wertvollste Katze, die sie je beherbergte, war „Mausemann“. Ein Name, der Unwissende dazu verleiten könnte, zu glauben, es handele sich um einen besonders erfolgreichen Jäger, der Haus und Hof zuverlässig von Nagetieren frei hielt. Aber weit gefehlt: Mausemann war im Grunde eher ein fellüberwachsener Fettklumpen. Absolut faul, überfüttert, verwöhnt. Und Mausemann war vollkommen unantastbar. Das galt selbst dann, wenn der Opa mit über 40 Grad Körpertemperatur mühevoll aus dem Bett kletterte und auf zitternden Beinen versuchte, sich zur Toilette zu schleppen. Mausemann lag bevorzugt so gut es irgendwie ging im Weg, zum Beispiel mitten im Türrahmen. So ein schwerkranker Opa war für die Oma keineswegs ein Grund, das verwöhnte Tier dort wegzuschaffen. Stattdessen erfolgte eine klare Anweisung an den Opa: „Pass auf, tritt das arme Tier nicht!“ Wer die Oma besuchte, musste - das galt als das am sichersten Vorhersagbare seiner Zeit - sich ein „Kunststück“ vorführen lassen. „Guck mal, was der Mausemann kann!“, war der immer gleiche Begrüßungssatz. Dann hielt sie dem Fettklumpen ihren gestreckten Zeigefinger vor sein Gesicht, worauf dieser mühevoll das Maul aufriss. „Der kann auf Kommando gähnen!“, behauptete die Oma, und alle waren extrem beeindruckt, jedes Mal, über viele Jahre hinweg. Wahnsinn! Diese Oma war nun eines Tages bei ihrer Tochter Gisela zu Besuch. Eines musste man der alten Frau, die elf Töchter und zwei Söhne großgezogen hatte – nicht zu vergessen die zahllosen Katzen – wirklich lassen: Sie war ein Arbeitstier! Einfach nur still dasitzen, das konnte sie sich kaum vorstellen. Es war selbstverständlich, dass sie sich im Haushalt ihrer Tochter engagierte. Zunächst half sie Gisela beim Abwasch. Währenddessen verschwand der kleine Anton unbemerkt im Badezimmer. Er wusste, dass dort ein großer Eimer mit einem weißen Pulver stand und hielt dieses für Staudamm-Baumaterial. Becherweise schüttete er also das Pulver in der Toilettenschüssel zu einem kleinen Damm auf und betätigte dann in kleinen Dosen die Spülung. Damals waren Spülkästen kaum verbreitet, und so war die Menge des abgegebenen Wassers fast frei dosierbar. Anton ließ den Wasserpegel des entstehenden Stausees allmählich immer weiter ansteigen, bis der Damm überflutet wurde und schließlich brach. Dieses Spiel wiederholte er wieder und wieder. Als der Eimer mit dem weißen Pulver fast leer war, wurde sein wertvolles Experimentieren mit dieser speziellen und der Welt bis dahin völlig unbekannten Technik des Staudammbaus entdeckt. Seine Mutter versuchte zunächst vergeblich, die abgeschlossene Badezimmertür zu öffnen und brauchte nicht allzu lange, Anton dazu zu überreden, den Schlüssel herumzudrehen. Dann erschrak sie über das verschwendete Waschmittel, und sie vereinbarte mit der Oma, schnell neues zu kaufen. Oma sollte bitte in der Zeit mit dem noch vorhandenen Pulver einen Waschgang starten. Den Badezimmerschlüssel steckte Gisela sicherheitshalber von außen auf die Tür, damit sich kein Kind mehr unbemerkt im Bad einschließen und Unsinn machen konnte. Aber Anton war nicht dumm. Schnell erfasste er die neue Situation und erkannte die sich daraus ergebenden Möglichkeiten. Inzwischen war sein Schwesterchen Simone aufgewacht, und in der recht geräumigen Kombination aus Küche und Wohnzimmer stand eine große rote Wäscheschüssel auf dem wasserfesten Boden. Da wäre es doch großartig, ein Planschbecken für seine Schwester und sich daraus zu machen! Nur: Würde die Oma das unterstützen? Die Gefahr, dass sie es nicht täte, war zu groß. Dieses Risiko musste Anton möglichst wirksam ausschalten. Also schlich er sich zu der Badezimmertür, hinter der seine schwerhörige Oma Wäsche in die Waschmaschine stopfte, und drehte den von seiner Mutter freundlicherweise optimal vorbereiteten Schlüssel vorsichtig und leise herum. Dann konnte der Badespaß beginnen: Anton zapfte so gut er es konnte mit Hilfe eines Putzeimers immer wieder Wasser am Spülbecken, schleppte es zu dem „Planschbecken“ und füllte dieses hoch auf. Sein Schwesterchen kicherte und planschte, und bald konnte auch er endlich dasselbe tun. Dabei war es nicht immer möglich, ein Überschwappen des Wassers gänzlich zu vermeiden. Derweil war seine Oma mit der Wäsche fertig und beschloss, nach den Kindern zu sehen. Sehr zu ihrem Schreck stand ihr dabei eine verschlossene Tür im Weg. „Komisch!“, dachte sie, „ich habe doch gar nicht abgeschlossen!?“. So ganz sicher war sie sich zunächst nicht. Aber sie fand keinen Schlüssel im Schloss. Hatte sie den abgezogen und verlegt? War er heruntergefallen? Oma suchte und suchte. Oh je, war er etwa ins Klo gefallen? Nach langen Bemühungen und verzweifelten Überlegungen dämmerte es der Oma: Jemand musste von außen die Tür abgeschlossen haben! Aber wer? Gisela war ja einkaufen, und die würde so etwas sowieso nicht machen. Etwa – Anton??? Nein, das konnte doch nicht wahr sein! Aber es war die einzige wirklich plausible Erklärung! Oma musste also den Kontakt zu dem Bengel herstellen und ihn irgendwie motivieren, die Tür wieder aufzuschließen. Sie rief: „Anton!“. Keine Reaktion. Sie rief lauter: „Anton!“. Nichts. Schließlich rüttelte sie verzweifelt an der Türklinke. Anton und Simone hatten weiterhin viel Spaß in der Küche, in der sich allerdings inzwischen eine recht beeindruckende Wasserlache verteilte. Zunächst merkten sie von den Kontaktversuchen der Oma nichts. Später hörten sie dann aber zunehmend ein Rufen und das Geräusch einer heftig bewegten Türklinke. Sie kicherten und wähnten sich in Sicherheit. So lange, bis Gisela nach Hause kam, die zweckentfremdete Küche in Augenschein nehmen durfte, und hinter der Badezimmertür eine völlig verzweifelte Oma stehen sah – mit einer abgebrochenen Türklinke in der Hand! |